Gestern zeigte mir Facebook ein Bild aus meiner Timeline vor einem Jahr, auf dem mein damals 2-jähriger Sohn an meinem Tisch in meinem Büro sitzt und mich anlächelt. Heute ist nicht nur dieses Bild eine blasse Erinnerung geworden, sondern auch dieser Tisch, mein Büro und mein Arbeitsplatz. Denn dieses Büro befand sich in einer der privaten Universitäten, die von der Gülen-Bewegung gegründet wurden. Wer die Nachrichten verfolgt, hat wohl mitbekommen, dass die Gülenisten beschuldigt werden, die Drahtzieher an dem gescheiterten Putschversuch von 15. Juli in der Türkei zu sein. Als Reaktion auf die Rolle der Gülen Anhänger, wurden meine sowie 14 weitere private Universitäten mit dem Dekret Nummer 657 am 23. Juli geschlossen.

Geschlossen ist eigentlich nicht der richtige Begriff. Vielmehr reichte eine Unterschrift des Staates aus, um die Universität aufzulösen. Alle Beschäftigten der Universität – vom Rektor, der sich wohl schon rechtzeitig ins Ausland abgesetzt hat, zum Lehrkörper, über den Verwaltungsstab bis hin zum Putzpersonal – erfuhren alle am Samstagmorgen über die Zeitungen, dass sie nun keinen Job mehr haben. Ebenso wurden unsere Email-Accounts und die Webseite der Universität einige Tage später gelöscht. Das Gebäude der Universität wurde dem staatlichen Liegenschaftsamt übergeben und der Zugang zum Campus ist seitdem gesperrt. Deshalb hat auch keiner von uns Zugriff auf unsere Bücher, Unterlagen und andere Wertgegenstände in unseren Büros. Der Fisch im Aquarium eines Kollegen verelendete, weil ihn niemand füttern konnte. Blumen in den Büros anderer Kollegen gingen ein, weil sie nicht gegossen wurden. Anträge auf Rückgabe unserer Sachen werden nur schleppend bearbeitet, weil niemand weiß, wer für uns zuständig ist.

Auf der anderen Seite bin ich – wie über 2500 weitere Akademiker – nun arbeitslos. Theoretisch ist es ja möglich, sich auf dem privaten Universitätsmarkt zu bewerben und als qualifizierter Akademiker eine neue Stelle zu bekommen. Leider erweist sich dies als ein großes Problem. Denn im Eifer eines blinden Erfüllungsgehorsams weigern sich andere Universitäten, ehemalige Mitarbeiter aus den geschlossenen Universitäten einzustellen. So passiert es Kollegen, dass ihnen Teilzeitlehrstellen, die nur auf Honorarbasis bezahlt werden, eine Woche vor Unterrichtsbeginn durch den Senat der Universität verweigert werden, obwohl vorher der Dekan der jeweiligen Fakultät sein Ok gab. Dabei gibt es Bedarf nach Akademikern im wachsenden Markt privater universitärer Anbieter, in dem jedes Jahr zwei bis drei neue private Universitäten gegründet werden. Bei den staatlichen Universitäten werden Bewerbungen erst gar nicht beantwortet. Für andere Bildungseinrichtungen sind wir zum toxisch und radioaktiv strahlenden, akademischen Subproletariat geworden, um das man lieber einen großen Bogen macht.

So befinde ich mich nun in einer traurigen Runde von verfemten, gutausgebildeten Akademikern, die zum Teil im Ausland studiert und promoviert haben, eine oder mehrere Fremdsprachen sprechen. Dabei hatte alles zumindest für mich doch so gut angefangen. Wie sehr viele Forscher in Deutschland bin ich selbst nach meinem Studium und meiner Promotion als Soziologe vor sieben Jahren in die Türkei gezogen, weil dort die Möglichkeiten einer akademischen Karriere besser als in Deutschland waren. Ich forschte und lehrte und hoffte auf eine akademische Karriere. In zwei bis drei Jahren hätte ich meine Habilitation einreichen können und nach fünf weiteren Jahre als Associate Professor hätte ich eine Stelle als ordentlicher Professor bekommen – mit Mitte 40! Der Putsch hat diesen Traum zerstört. Natürlich könnte ich mein Glück nun in Deutschland probieren und von vorne anfangen. Aber mir sind auch in den letzten sieben Jahren die notwendigen Netzwerke abhandengekommen, um im deutschen akademischen und feudalen Universitätsbetrieb Fuß zu fassen.

Meine arbeitslosen Kollegen und ich fragen uns tagtäglich, ob dies das Ende unserer akademischen Laufbahn war. Viele von uns versuchen derzeit, mit kleinen Nebenjobs zu überleben. Einige von uns bekommen eine kleine Arbeitslosenhilfe, die aber zum Leben kaum ausreicht. Deshalb bleibt kaum Zeit, sich auf eine akademische Karriere vorzubereiten oder gar zu forschen. Wie werden zerrieben in einem Strudel aus Existenzangst und Perspektivlosigkeit. Konfrontiert mit der bitteren Realität, dass wir von den Scherben unserer bisherigen Arbeit stehen. Gefangen in einem Tagesablauf, der durch Monotonie und Tristesse gezeichnet ist, langsam mäanderhaft kriechend.

Natürlich sind wir uns alle einig, dass der Putschversuch zu verdammen ist und die Schuldigen des Putsches vom Rechtsstaat verfolgt und bestraft werden müssen. Nur sollte dies im Rahmen internationaler, anerkannter und rechtsstaatlicher Prinzipien passieren. So gilt zum Beispiel in einem Rechtsstaat das Prinzip, dass man unschuldig ist, bis die Schuld bewiesen ist. Weder ich noch viele meiner Kollegen hatten etwas mit den Gülen-Bewegung zu tun, erst recht haben wir nicht den Putsch unterstützt oder waren darin involviert. Viele von uns waren Linke oder säkulare Kemalisten, deren Arbeitgeber die Gülen Bewegung war – auch, weil wir anderswo keinen anderen Job bekommen haben. Unser großes Pech war es, den falschen Arbeitgeber zu haben. Wir sind unschuldig, werden aber für die Taten von anderen bestraft.

Ebenso gibt der Rechtsstaat seinen Bürgern die Möglichkeit, Widerspruch gegen Entscheidungen von Verwaltung und Regierung einzulegen. Diese ist uns aber nicht gegeben, da aufgrund des derzeitigen Ausnahmezustandes gegen die Beschlüsse der Regierung der juristische Weg versperrt ist. Natürlich stellt sich in unserer Situation die Frage, gegen oder für was wir klagen sollen. Für eine Wiedereinstellung an einem Arbeitsplatz, den es nicht mehr gibt? Ohnmächtig gegen die Reaktionen des Staates, ohne die Möglichkeit, uns Gehör zu verschaffen, sind meine Kollegen und ich ein kollektiver Kollateralschaden des Putsches und der raschen Reaktion darauf.

Selbstverständlich werden jetzt einige einwenden, dass die Türkei außergewöhnliche Zeiten erlebe und deshalb außergewöhnliche Mittel nötig seien. Dabei wird auf den Ausnahmezustand in Frankreich nach den Anschlägen in Paris verwiesen. Natürlich kann ein Ausnahmezustand in einer außergewöhnlichen Situation ein probates Mittel sein, um die gesellschaftliche und staatliche Ordnung wiederherzustellen. Das gilt aber nur, wenn das rechtstaatliche Mittel der Verhältnismäßigkeit gewahrt wird. So ist mir bisher kaum bekannt, dass irgendjemand in Frankreich seinen Job verlor, ohne Möglichkeit auf Einspruch gegen die Entscheidung zu erheben. Geschweige denn in den Dimensionen, wie sie derzeit in der Türkei herrschen. Verglichen mit dem französischen Beispiel frage ich mich, ob die außergewöhnlichen Zeiten in der Türkei die Situation, in der ich mich befinde, rechtfertigen?

Die Existenz des modernen Rechtsstaats beruht auf dem Schutz der Bürger vor den Handlungen des Staates – statt neue juristische Opfer hervorzubringen. Deshalb muss sich jede vernünftige Rechtsprechung und Rechtsverfolgung im Rahmen von internationalen und auch der Türkei ratifizierten Normen abspielen. Andernfalls verspielt der türkische Staat die Glaubwürdigkeit in seiner berechtigten und von uns allen unterstützten strafrechtlichen Verfolgung der Putschisten. Ansonsten wird der türkische Rechtsstaat zu einer juristischen Farce, die niemandem nützt und die bisherige Spaltung der türkischen Gesellschaft weiter vertiefen wird

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