Viele Menschen – wenn auch nicht alle – gehören einer Religion an. Die Religion an sich spielt für den einen eine wichtige Rolle in seinem Leben, während sie für den anderen eine untergeordnete Rolle spielt. Aber haben wir uns überhaupt gefragt, was eine Religion ist und  was ihre Kernmerkmale sind? Der französische Soziologe Emile Durkheim behauptete, dass alle Religionen aus zwei elementare Grundkategorien aufweisen: Glaubensüberzeugungen und Riten/ sakrale Handlung. Was heißt das nun für den Islam und für Muslime?

Liest man den Koran nach diesen beiden Gesichtspunkten, so erkennt man hinsichtlich des Glaubens ganz klar eine bestimmte „Geschichte“, ein Narrativ, wonach Gott von uns verlangt, dass wir an ihn glauben, als derjenige der uns erschaffen hat und der die Geschicke des Universums lenkt. Ein wiederkehrendes Motiv im Koran ist auch, wie Menschen aus falschem Stolz und Machtgier sich der Allmacht Gottes wiedersetzen und sich selbst in ihr verderben stürzen, mit der Ermahnung an uns, es diesen Menschen nicht gleichzutun.

Wenn die zentrale Element der Glaubensüberzeugung im Islam der Glaube an Gott ist, was ist denn laut Koran die zentrale Handlungsmaxime? Ein Vers im Koran gibt wunderbar wieder, was diese Handelsmaxime ist:

Gott gebietet, Gerechtigkeit walten zu lassen, das Gute zu tun und den Verwandten zu geben, und Er verbietet abscheuliche, rechtswidrige und unwürdige Taten. Er ermahnt euch, auf dass ihr nachdenken mögt (16:90)

Wie können wir diesen Vers deuten, der ja jedes Mal am Ende der Freitagspredigt aufgesagt wird? Zunächst einmal will Gott, dass wir Gutes tun, eine Vorschrift, auf die wir in jeder Religion wiedertreffen und die in jeder Religion für sich selbst definiert ist.  Was „Gutes“ zu tun bedeutet, kann unterschiedlich ausgelegt werden. Es kann bedeuten, dass ich einfach die Gebote meiner Religion befolge. Im Islam wäre dies zum Beispiel, dass alltägliche Gebet, das Fasten, die Pilgerfahrt, usw. sein.

Zweitens verlangt Gott, dass wir abscheuliche, rechtswidrige und unwürdige Taten unterlassen sollen, sozusagen als Gegenmaxime zu den guten Taten die wir tun sollen. Was wiederum als abscheuliche bzw. böse Tat bedeutet, ist in jeder Religion und Gesellschaft einzeln definiert. Im Islam könnte man sagen das alles was im Koran als Sünde deklariert wird eine abscheuliche Tat ist, wie z.B. das essen von Schweinefleisch.

Kann also gesagt werden, dass Gott uns im Koran auffordert, dass wir als Muslime nur seine Gebote und Verbote befolgen? Das wir täglichen beten, im Ramadan fasten, kein Schweinefleisch essen und kein Alkohol trinken? Wem dem so ist, wo liegt denn der Unterschied zu den Anhängern des sogenannten Islamischen Staates? Der Mitglieder des IS beten auch fünf Mal am Tag, trinken keinen Alkohol, essen keine Schweinefleisch. Mehr noch, sie töten jeden der nicht so lebt wie sie, versklaven deren Frauen, alles im Namen des Islam, mit dem Ziel ‚Gutes‘ zu tun und das ‚Böse‘ zu vermeiden, wie Gott es von ihnen fordert.

Viele Muslime werden die Gleichsetzung mit dem IS mit Empörung ablehnen. Aber wo ist dann der Unterschied zwischen IS Kämpfern und Millionen anderer Muslime, wenn beide sich auf diesen Vers berufen. Hier schließt sich eine ethische Frage an: Für wenn sollen wir Gutes tun und von wem sollen wir Schlechtes abwenden? Nur für uns und für unsere muslimischen Mitbrüder? Was ist dann mit Nicht- Muslimen?

Gott versucht dies in diesem Vers durch zwei Punkte zu erläutern. Zunächst einmal steht in dem Vers nicht, das wir nur für uns Gutes tun sollen und uns vor dem Bösen abhalten sollen. Der Vers sagt auch nicht, dass dieser Vers nur für Muslime gilt. Denn was Gut und Böse ist, ist in jeder Religion und Gesellschaft geregelt. So gibt es in allen Religionen einen universalen Grundkonsens, dass der Mord an einem Menschen eine abscheuliche Tat ist und das zum Beispiel in Not geratenen Personen zu helfen, eine Gute tat ist. In diesem Sinne ist dieser Koranvers nicht nur als rein auf Muslime anzuwendendes Axiom zu verstehen, sondern er hat eine universelle Gültigkeit. Muslime sind verpflichtet auch Menschen die nicht so denken, leben und handeln wie sie, das gleiche Maß an Güte zukommen zu lassen und Böses von Ihnen fernzuhalten. Nicht nur der Mord an einem Muslim ist eine Sünde, sondern an jedem Menschen ist laut Koran im Vers 5:23 eine verabscheuungswürdige Tat.  In diesem Sinne, geht Vers 16:90 über das reine befolgen von Geboten und Verboten, sowie dem starren und formalen einhalten von Ritualen hinaus und hat einen universelle Botschaft.

Aber warum müssen Muslime den Inhalt dieses Verses auf alle Menschen ausweiten? Gott verlangt von uns nicht nur das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Viel wichtiger ist, dass er auch verlangt, dass wir Gerechtigkeit auszuüben. Auch hier gilt, der Vers beschränkt dieses Gebot nicht nur auf Muslime – oder auf die eigenen Verwandten, wie manche irrtümlich annehmen würden. Nein Gerechtigkeit ist etwas was wir jedem gewähren müssen, auch wenn wir seiner Meinung nicht zustimmen, er einen anderen Lebensstiel hat oder an etwas anderes glaubt oder nicht glaubt. Gerechtigkeit bedeutet, dass jemand, wenn er es braucht, auch von meiner Güte was bekommt. Gerechtigkeit bedeutet auch, dass ich jemanden von einer schlechten Situation oder vor Ungerechtigkeit bewahren oder schützen muss, unabhängig von seinem Glauben und Lebensstiel. Denn sagt auch Gott im Koran nicht:

O ihr Gläubigen! Haltet Gottes Rechtsbestimmungen ein und seid bei euren Aussagen gerecht! Euer Haß gegen einige Menschen soll euch nicht dazu verleiten, ungerecht zu sein. Seid gerecht, so kommt ihr der Frömmigkeit am nächsten! Fürchtet Gott! Gott weiß genau, was ihr tut. (5:8)

Ohne Gerechtigkeit gegenüber dem Anderen kann ich nicht das Gute befolgen und vom Bösen lassen. Aus diesem Grund geht die Gerechtigkeit in 16:90 dem Befolgen des Guten und der Ablehnung des Bösen voraus.  Gerechtigkeit vervollständigt uns als Muslime und erinnert uns darin, dass wir in einer Gesellschaft mit anderen Menschen leben, die vielleicht nicht so denken, glauben, leben und lieben wie wir. Genau dies unterschiedet uns Muslime von den IS Kämpfern, Taliban, Boko Haram und allen anderen Muslimen, die sich weigern alle die nicht so sind wie sie, die gleiche Gerechtigkeit walten zu lassen, die sie für sich in Anspruch nehmen.

In diesem Vers macht uns Gott deutlich, dass Muslim sein nicht nur das starre Befolgen von Geboten, die Vermeidung von Sünden und das Ausübung von Ritualen ist. Nein es heißt auch das wir uns für die Rechte gegenüber jeden Menschen einsetzen der Ungerechtigkeit erfährt, seien es Muslim, Juden, Christen, Buddhisten, Atheisten, LGBTIQs, Arme, usw.  Somit ermahnt uns Gott, dass wir über diesen Vers nachdenken mögen und unser Handeln der Gerechtigkeit gegenüber jedem richten.

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