Sie hatte sich mit ihrem Bruder in ihrer Wohnung getroffen und sich wieder mit ihm gestritten. Dennoch begleitete sie ihn zur Bushaltestelle, um ihn zu verabschieden. Sie war immer bestrebt einen guten Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten, trotz der Probleme die sie seit ihrer Jugend mit ihr gehabt hatte. Sie war halt ein „Dickkopf“ und wollte ihren „eigenen Willen“ durchsetzen, was immer zum Streit mit ihrer Familie führte. Ihr eigener Vater hatte sie vom Gymnasium abgemeldet, nach Istanbul geschickt und im Alter von 16 mit ihrem Cousin verheiratet, von dem sie auch Schwanger wurde. Sie verließ  jedoch ihren Ehemann, ging mit ihrem Sohn nach Deutschland zurück, wo sie alleine lebte und ihren Abschluss abholte und eine Ausbildung begann.

Kurz bevor der Bus kam, sah ihr Bruder sie an und fragte sie: „Bereust du deine Sünden?“. Dann holte er seine Pistole hervor und streckte seine eigene Schwester mit drei Kopfschüssen nieder. Die Polizei  nahm drei Brüder als Tatverdächtige fest, das Motiv für die Tat war Ehrenmord. Die Tatsache das sie sich entschlossen hatte nach Süddeutschland zu ziehen, um dort ein eigenes, selbstständiges Leben mit ihrem Sohn zu beginnen und die Scheidung von ihrem Mann einzureichen, war in der Tradition ihrer Familie eine Schande, eine Sünde, die nur durch Blut „gesäubert“ werden konnte. Ihr Name: Hatun Sürücü.

Viele Muslime kommen aus Gesellschaften, in denen die Traditionen ihrer Herkunftsregionen eine wichtige Rolle in ihrem Alltag spielen – auch in Europa. Natürlich bedeuten Traditionen per se als Erstes nichts Schlechtes. Sie bieten vielen Menschen in einer fremden Umgebung Orientierung und Halt. Traditionen sind wichtig für unsere kulturelle Identität, die wir vielleicht auch an unsere Kinder weitervererben wollen. Das gemeinsame Fastenbrechen, Ostereier suchen, usw. sind Traditionen, die natürlich niemandem schaden. Auch nicht jeder muslimische Migrant aus dem „Orient“ pflegt archaische Traditionen, wie den Ehrenmord oder die Blutrache, die ja auch in Teilen des katholischen Siziliens gepflegt wird.

Der Soziologe Max Weber bezeichnet Traditionen als jedes soziale Handeln, was durch Gewohntem erklärt wird, sich an ihm orientiert und daran festhält. Traditionelles Handeln wird und soll nicht hinterfragt werden, weil es schon immer so war und unsere Vorfahren es schon immer so gemacht haben.  Manchmal aber werden diese Traditionen zu einem engen Korsett, insbesondere dann wenn sie die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit oder unseren Alltag beinträchtigen. Wenn zum Beispiel ein muslimisches Mädchen keinen Freund haben darf. Wenn sie einen hat, muss sie sich dann mit ihm weit weg von ihrer Nachbarschaft treffen, weil sie ja sonst ihrer Familie „Schande“ bereiten kann und es am Abend zu Streit mit dem Vater (und auch der Mutter) kommt, weil die Tochter die Traditionen der Familie missachtet hat. Ja, türkische und arabische Mädchen haben keinen Freund zu haben, weil es bei der Generation ihrer Eltern und Großeltern auch nicht so war. Seltsamerweise betrifft das nie die Söhne, die immer eine Freundin haben können und dürfen, als ob Traditionen nur für Frauen verfasst worden sind. Der Ehrenmord ist dann in diesem Fall, die radikalste Form dieser Traditionalisierung des Lebens, in dem jedes Handeln nach einem speziellen Codex der Schande und Ehre gewichtet und bewertet wird.

Im Koran gibt es einen sehr schönen Vers, der sich mit der Idee der Unfehlbarkeit der Tradition und unserer Vorfahren auseinandersetzt. In Vers 114 der 5. Sure (Der Tisch) im Koran sagt Gott zu uns:

“Wenn man zu ihnen sagt: Kommt her zu dem, was Allah herabgesandt hat, und zum Gesandten!, sagen sie: “Uns genügt das, was wir als Brauch unserer Väter vorgefunden haben”. Aber angenommen, ihre Väter wussten nichts und waren nicht rechtgeleitet?„

In diesem Vers mach Gott die Menschen auf etwas Wichtiges aufmerksam.  Unsere Vorfahren, auf die wir uns immer voller Stolz berufen, können auch Fehler begangen haben. Schlimmer ihr Wissen könnte auf etwas sich stützen, was von Gott nicht erwünscht ist und abgelehnt wird. Welchen Stellenwert haben dann unsere Traditionen, wenn ihre Urheber selbst fehlerhaft sind. Sie sind ja keine Engel, sondern Menschen, mit alle ihren Schwächen und Stärken. Wie kann dann Gottes Wort, der uns ja im Koran sagt, dass der Mord an einem Menschen dem Tod an allen Menschen gleichzusetzen ist, nicht mehr Wert besitzen, als die Traditionen unserer Vorfahren, die ja von Menschenhand verfasst wurden sind.

Gott lehnt das starre Festhalten an Traditionen ab. Den dieses Festhalten bedeutet, dass wir alles so akzeptieren so wie es ist. Aber das ist nicht das, was Gott von uns will. Denn in der Sure Jonas, Vers 100 sagt Gott auch, dass er „die Unreinheit legt auf diejenigen, die keinen Verstand haben“.  Wir sollen in unserem ganzen Leben unseren Verstand gebrauchen, sonst wird er verschmutzt. Mit was wird er verschmutzt? Zum Beispiel mit Traditionen, wie dem „Ehrenmord“, der eine Sünde im Namen der menschlichen Ehre rechtfertigt. Die Ehre eines einzelnen Menschen oder einer Familie bzw. Sippe wiegt mehr als Gottes Gebote. Ist da nicht ein Wiederspruch?

Seien wir doch ehrlich. Der Islam und die Muslime von heute haben ein großes Problem. Wir stecken fest in unseren jahrhundertealten Traditionen und Dogmen. Wir glauben dass dieses Festhalten an Dogmen und Traditionen den Islam in einer uns fremden Welt schützt und sind dann sind stolz auf unsere Traditionen. Aber was hat dies uns bisher gebracht. Muslime in aller Welt hinken allen Entwicklungen hinterher, sie sind nicht in der Lage dem Wandel in der Welt sich anzupassen. Muslime sind nicht in der Lage an den aktuellen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskussionen teilzunehmen oder gar einen Beitrag zu leisten.  Aber Gott will nicht von uns, dass wir den Islam durch die Traditionen und Dogmen beschützen. Er will, dass wir alles kritisch hinterfragen und unsere Religion lebendig machen. Wir müssen den Schmutz aus unseren Köpfen entfernen, sie davon reinigen und den Islam von den Unreinheiten die wir glauben, dass sie ein Teil unserer Religion sind, retten.  Dies können wir nur, wenn wir uns auf Gottes Wort beziehen und nicht auf die Worte unserer Vorfahren. Wir müssen deshalb auch kritisch hinterfragen, ob das was wir im Alltag als islamisch betrachten, sich auch auf Gottes Wort oder auf die Tradition unserer Vorfahren stützt und nicht es einfach blind befolgen. Nur wenn wir Gottes Gebote über die Gesetze unsere Väter stellen, können wir das Leben von Frauen wie Hatun Sürücü, Fadime Şahindal, Shafilea Ahmed, usw.  retten, die ja kein Gebot Gottes gebrochen hatten, sondern nur die Traditionen ihrer Familien.

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